Das Best Practice Forum am 21. April stand ganz im Zeichen von Beschaffungsnetzwerken und -strukturen. Ingo Schobel, Geschäftsführer von TECNOPLAST und Vorstandsmitglied bei der Vereinigung Vorarlberger Einkäufer, berichtete von seinen wichtigsten Erkenntnissen und Erfahrungen aus 25 Jahren Einkaufstätigkeit in produzierenden Unternehmen. Im Anschluss an diesen Erfahrungsbericht stellte Andreas Dür, Consultant und Leiter Region Middle East beim Beratungsunternehmen x|vise die Studie "Beschaffungslogistik: Das aktuelle Beschaffungsverhalten österreichischer und deutscher Unternehmen" vor.

In Zeiten, geprägt von volatilen Rohstoffpreisen und unsicherer Versorgung, muss der Einkauf einen wichtigen Beitrag zur Wettbewerbsfähigkeit leisten. Speziell in der aktuellen Lage ist der Preisdruck enorm. Jedoch: "Preis ist wichtig, aber nicht alles", betonte Ingo Schobel. Im Zusammenhang mit sogenanntem "low cost country sourcing" stellte er die provokante Frage "Wieviel 'made in china' verträgt überhaupt ein europäisches Produkt?" Außerdem sind zahlreiche "Nebenwirkungen", die mit den niedrigen Kosten einhergehen, zu beachten: ethische Fragen wie Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft, Qualitätseinbußen oder mangelnde Umweltstandards. Herr Schobel plädierte für die "best cost country strategy" und Werte wie Nachhaltigkeit, Fairness und Handschlagqualität. "Vertrauen versus Verträge, an denen 5 Anwälte beteiligt sind", formulierte er ohne zu überspitzen. Mit Fragen wie "Wissen Sie eigentlich, was Sie einkaufen? Wissen Sie, was Sie heute bzw. in Zukunft brauchen? Kennen Sie die Spezifikationen Ihrer Kunden wie Produktmanager, Techniker, ...?", räumte er mit der Funktion des Einkaufs als Befehlsempfänger im Unternehmen auf und hob den Einkauf auf die strategische Ebene. Ingo Schobel verlangt vom Einkauf auch verstärkte Verantwortungsübernahme in Entwicklungs- und Innovationsprozessen. Weg von Organigrammen, hin zu Prozessen. Die Einbindung aller Akteure wie Lieferanten, Kunden, Experten neben den eigenen Mitarbeitern führt zu wertvollen, interdisziplinären Teams, welche maßgeblich zur Verbesserung der Wertschöpfungskette beitragen. Als Beispiel dafür nannte er die Entwicklungskooperation von TECNOPLAST mit der swatch AG, bei der die Arbeitsschritte zur Erzeugung eines Produkts von 42 auf 5 reduziert werden konnten. Zusammenfassend hielt der erfahrende Einkäufer fest: "Veränderung beginnt im Kopf." Nur durch ständiges Hinterfragen und Reflektieren kann ein Refreshing der Arbeitsprozesse herbeigeführt und dadurch die Wettbewerbsfähigkeit gesteigert werden. Für entscheidend hält er auch die verstärkte Investition der Unternehmen in Aus- und Weiterbildung ihrer Einkäufer, denn für den Einkaufserfolg ist "Intelligenz wichtiger als Größe".

Ergänzend präsentierte Andreas Dür die Ergebnisse einer im Jahr 2008 durchgeführten Be-schaffungsstudie. Untersucht wurden das Beschaffungsverhalten sowie die Beschaffungslogistik von jeweils 100 österreichischen und deutschen Unternehmen unterschiedlicher Größe und Branchenzugehörigkeit. Befragt wurden sie allgemein zur Beschaffung, aber auch konkret zu ihren Lieferanten, Einkaufsgebieten, zu Mehrwertdienstleistungen in der Beschaffung, zu Logistik-Dienstleistern sowie zu organisatorischen Rahmenbedingungen und IT. Die Studie verdeutlicht, dass Unternehmen in der Beschaffung die "Nahversorgung" zu schätzen wissen: Der Großteil beschafft entweder im eigenen Land oder in unmittelbarer Nachbarschaft. Bei der Wahl des Einkaufslands spielt neben Wirtschaftlichkeit insbesondere eine entsprechende logistische Infrastruktur eine wichtige Rolle. Weiters zeigt sich, dass Firmen in der Regel mit einer überschaubaren Anzahl von Lieferanten in meist längerfristigen Partnerschaften zusammenarbeiten. "Bei der Auswahl der Lieferanten rangiert die Qualität deutlich vor dem Preis, auf Platz drei der Entscheidungskriterien finden sich bereits persönliche Netzwerke.", erläuterte Herr Dür. Die Unternehmen unterscheiden nicht klar zwischen Basisdienstleistungen und Mehrwertdienstleistungen der Beschaffung. Auch das Outsourcing an Logistiker hat sich noch nicht durchsetzen können. "Eher kommt der Lieferant als Logistikdienstleister zum Einsatz; der überwiegende Teil der Unternehmen führt Beschaffungsdienstleistungen jedoch im eigenen Hause aus.", stellte Herr Dür fest. Er sieht noch große Potentiale in der Beschaffungslogistik schlummern. Unternehmen können diese durch eine engere Zusammenarbeit und Integration über die gesamte Wertschöpfungskette heben. Logistikdienstleister sollten zudem durch geeignete Angebote den Zugang zu interessanten Einkaufsländern verbessern und die Hürden zur globaleren Beschaffung, insbesondere für KMUs, beseitigen.